Boreout vs. Burnout?
P. Rothlin
(Betriebswissenschaftler) und P.R. Werder (Philosoph und Journalist)
definieren in ihrem Buch „Syndrom Boreout“ den Boreout als
Gegenteil des Burnout. Ihrer Meinung nach besteht der Boreout aus den
Elementen: Unterforderung – Langeweile und Desinteresse.
Boreout-Betroffene haben
das Gefühl mehr leisten zu können, aber man lässt sie nicht, bzw.
es gibt für sie nicht genügend fordernde Aufgaben. Die Langeweile
ist die logische Folge davon, da man nicht weiß, was man den ganzen
Tag tun soll. Das steigert die Lustlosigkeit, sich um anspruchsvolle
Arbeit zu bemühen. Daraus folgt wiederum ein Desinteresse am Job, da
man sich nicht mehr mit der Arbeit identifizieren kann.
Betroffene berichten,
dass man sich zunehmend Strategien aneignet, um am Arbeitsplatz den
Eindruck zu erwecken, man sei ausgelastet und im Stress. Das dient
dazu, sich noch mehr der langweiligen und eintönigen Arbeit vom Hals
zu halten und sie auf die Kollegen abzuwälzen.
Boreout hat zwar im
ersten Moment nichts mit Faulheit zu tun, da die Mitarbeiter durchaus
arbeiten wollen, aber die Folge von Boreout ist Faulheit. Der
Mitarbeiter wird faul gemacht.
Die Strategien, die sich
gelangweilte und unterforderte Mitarbeiter ausdenken um nicht noch
mehr langweilige Aufträge zu erhalten, führen dazu, dass das
untätige Absitzen von Stunden noch zunimmt und sich das
Boreout-Gefühl verstärkt. Durch das Vortäuschen von Beschäftigung,
verhindert der Mitarbeiter selbst, dass sich seine Situation
verbessert.
Rothlin und Werder nennen
einige der Strategien, die sich Betroffene aneignen.
Flachwalzstrategie:
Die auftretende Arbeit
wird unnötig in die Länge gezogen. Zeitrahmen werden unnötigerweise
voll ausgeschöpft.
Komprimierung:
Aufgaben
werden schnellstmöglich erledigt, aber die Erledigung wird nicht
mitgeteilt. So hat man bis zum Abgabetermin viel Zeit für die
Erledigung privater Dinge.
Symptome
des Boreout Syndroms sind:
- Müdigkeit
- Desinteresse
- Schlechte Laune
- Leidenschaftslosigkeit
- Langeweile durch Unterforderung
- Identifikationsprobleme mit der eigenen Arbeit
Die
ständige Unterforderung, das Absitzen von Stunden und das Vorspielen
von Stress, führen letztendlich zum Stress. Das Syndrom erscheint
häufig bei Arbeitnehmern mit festem, aber zu großzügigem Zeitplan
und bei Personen, bei denen durch die Art der Tätigkeit weder
Leidenschaft noch Tatendrang geweckt wird.
Soweit
so gut. Bis hierhin kann ich folgen. Was aber nun von Rothlin und
Werder als Tipps gegen den Boreout gegeben wird, entbehrt nicht einer
gewissen Naivität:
Zitat:
Präventive
Maßnahme: Üben Sie eine Arbeit aus, die Ihnen Freude bereitet und
Ihnen nicht jeden Tag das Gefühl gibt, wieder arbeiten gehen zu
MÜSSEN, sondern zu DÜRFEN!
Kommentar:
Wie
viele Menschen gibt es wohl, die sich diesen Luxus erlauben können.
Wie viele Möglichkeiten ergeben sich aus dem Arbeitsmarkt, eine
Tätigkeit zu finden, die weder über- noch unterfordert und die in
erreichbarer Nähe ist?
Zitat:
Gesunde
Balance finden: Ihre Arbeit sollte Sie weder überfordern (Burnout)
noch unterfordern (Boreout). Erledigen Sie deshalb Aufgaben, denen
Sie gewachsen sind und an denen Sie gleichzeitig noch wachsen können.
Kommentar:
Das
ist doch genau das Problem des Burn- und des Boreouts, dass man sich
in den seltensten Fällen die Aufgaben aussuchen kann – weder in
Sachen Qualität noch Quantität. Wenn dem so wäre gebe es weder
Burnout noch Boreout!
Zitat:
Private
Anteile: Auf ihrer Arbeit sollten vor allem eines tun: arbeiten!
Sobald ihr Zeitfenster für private Erledigungen fortlaufend zu
wachsen scheint, sollten Sie sich mehr herausfordernden Aufgaben
widmen.
Kommentar:
Wie
auch zuvor schon gesagt, ist dieser Tipp sinnlos, da der Boreout
entsteht, weil es keine herausfordernden Aufgaben gibt. Da der
Boreout-Betroffene ja nicht faul ist, hätte er sich diese Aufgaben
längst geholt, wenn es sie denn gäbe. Der Boreout entsteht ja nicht
von heute auf morgen, sondern in einem Zeitraum von mehreren Monaten.
War innerhalb dieses Zeitraums keine anspruchsvolle Tätigkeit
gegeben, dürfte auch in Zukunft keine kommen.
Zitat:
Identifizierung:
Stellen Sie sich regelmäßig die Frage, warum Sie ausgerechnet in
diesem Unternehmen arbeiten. Sobald Sie spüren, dass Sie nur wenige
oder keine soliden Argumente sammeln können, haben Sie einen Hinweis
darauf, dass Sie einem Boreout unterliegen.
Kommentar:
Auch
hier kann das Ergebnis nur Kündigung heißen. Doch zuvor muss ein
neuer Job gefunden werden. Da wir Menschen aber ca. 70% unserer
Entscheidungen aus dem Vermeidungsmodus und nicht aus dem
Motivationsmodus heraus treffen, ist die Kündigung und die Jobsuche
eine eher seltene Entscheidung. Besonders dann, wenn man sich schon
an das Nichtstun gewöhnt hat. Die Untätigkeit fördert nicht gerade
das Selbstwertgefühl, sodass Boreout mit zunehmender Dauer dazu
führen wird, dass sich der Betroffene nichts mehr zutraut und
demnach auch den Job nicht mehr wechseln möchte. Wer zu lange in der
Langeweile und Untätigkeit verharrt, wird irgendwann glauben, er
könne nichts mehr leisten.
Wer
sich zudem in einem sicheren und gutbezahlten System befindet, sollte
es sich gut überlegen, das Risiko eines Firmenwechsels einzugehen.
Eine Garantie, dass es besser wird, gibt es nicht.
Mein
Vorschlag ist ein ganz anderer.
Wie
auch schon beim Syndrom Burnout, muss auch beim Syndrom Boreout das
Privatleben mit einbezogen werden. Wer sagt denn, dass man beide
Syndrome nur am Arbeitsplatz bekämpfen kann?
Viele
Burnout-Patienten haben das Problem, dass ihnen das Privatleben so
wenig Glücksmomente und Spaß bietet, dass der Arbeitsstress nicht
abgefangen werden kann. Zudem gibt es auch in der Freizeit und in der
Familie Stressfaktoren, die die Lage verschlimmern, da man die
negativen Emotionen von einem System in das nächste trägt. Die
gegenseitige Beeinflussung verschiedener Systeme (Hobby,
Freundeskreis, Familie und Beruf) führen zu einer Stress-Spirale,
die an irgendeiner Stelle unterbrochen werden sollte. In welchem
System man die Spirale unterbricht, ist vorerst zweitrangig. Wichtig
ist, dass überhaupt etwas geschieht und man erkennt, dass man es
selbst in der Hand hat, etwas zu verbessern. Nur so kann man die
Opferebene verlassen.
Wir
füllen unser Privatleben zunehmend mit unkreativen Tätigkeiten aus.
Untersuchungen zeigten, dass Fernsehen Stress fördert. Je größer
die Anzahl der Fernsehprogramme, desto größer der Stress. Wir
umgeben uns immer mehr mit technischen Geräten, die uns angeblich
Zeit sparen und besser kommunizieren lassen. Tatsache ist aber, dass
das Niveau der Kommunikation durch Mail, SMS, Messenger und Facebook
oftmals so gering ist, dass man nicht mehr von wirklicher
Kommunikation sprechen kann, da auf der emotionalen Ebene nichts
mitgeteilt und verarbeitet wird. Smilies sind kein Ersatz für
wirkliche Emotionen. Da wir zu 70% nonverbal kommunizieren, ist auch
das telefonieren weniger gut geeignet um Emotionen abzubauen.
Wer
in der Freizeit nichts als Langeweile erlebt, kann diese Emotion
natürlich auch am Arbeitsplatz nicht abbauen. Daher ist es sinnvoll
seine Freizeitaktivitäten zu überprüfen und sich zumindest im
Bereich Hobby, Sport, Familie und Freundeskreis interessante Ziele zu
setzen. Ziele zu haben und sich auf den Weg der Zielerreichung zu
machen, macht erwiesenermaßen glücklich. Wenn man am Arbeitsplatz
keine Möglichkeiten der Verbesserung hat, muss unbedingt der
Freizeitbereich angekurbelt werden, damit man zumindest etwas hat,
worauf man sich freuen kann – 8 Stunden lang.
Praxis für Leistungscoaching und
Mentaltraining
Thomas Pfitzer
Uhlandstr. 8
67069 Ludwigshafen
0621 592 48 92
coach@wingwave-rhein-neckar.de
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